Medienpädagogik als Frame für präventives und interventionistisches Handeln
6.1 Warum Medienpädagogik der passende Rahmen ist
Wenn digitale Spaltung, Plattformlogiken und algorithmische Risiken die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen prägen, dann braucht es eine Disziplin, die sich seit Jahrzehnten mit Sozialisations-, Bildungs- und Erziehungsprozessen in mediatisierten Welten befasst: die Medienpädagogik. Sie versteht sich als Reflexionswissenschaft (Erforschung von Bildungs- und Erziehungszusammenhängen in Medienwelten) und zugleich als Handlungswissenschaft, die Vorschläge macht, „wie die Bildungs- und Erziehungspraxis in und mit Medien gestaltet und verbessert und Handlungsmöglichkeiten unter bestehenden Ungleichheits- und Machtverhältnissen erweitert werden können“ (Siller/Tillmann/Zorn 2020; Hartung-Griemberg/Schorb 2017).
Baackes Definition der „Zuständigkeit“ der Medienpädagogik – alle sozialpädagogischen, sozialpolitischen und sozialkulturellen Überlegungen und Maßnahmen, die die „kulturellen Interessen und Entfaltungsmöglichkeiten, die persönlichen Wachstums- und Entwicklungschancen sowie die sozialen und politischen Ausdrucks- und Partizipationsmöglichkeiten“ von Menschen betreffen (Baacke 1997, S. 5) – ist, wie Siller/Tillmann/Zorn (2020) betonen, nahtlos auf Soziale Arbeit übertragbar. Im Zuge digitaler Kommunikation sind dabei Interaktion und Partizipation neben der klassischen Rezeption stärker zu betonen.
Damit ist der Frame gesteckt: Medienpädagogik wirkt präventiv (bevor Problemlagen entstehen – angelehnt an den erzieherischen Kinder- und Jugendschutz, § 14 SGB VIII, der Prävention zwischen Hilfe und Bildung ansiedelt) und interventionistisch (wenn mediale Problemlagen – Cybermobbing, Hate Speech, exzessive Nutzung, Datenpannen – schon da sind) (Hoffmann 2020).
6.2 Die vier Felder der Medienpädagogik (Baacke)
Medienpädagogik gliedert sich laut Baacke (1997) in vier Bereiche:
- Mediendidaktik – wie Medien oder Medienangebote zur Erreichung pädagogisch gerechtfertigter Ziele gestaltet oder verwendet werden können (Herzig 2017).
- Medienerziehung – der pädagogische Umgang mit Medien: Beziehungen mit und über Medien gestalten, personale und soziale Identität in kritischer Auseinandersetzung mit angebotenen Wertgrundlagen entwickeln, offene mediale Erfahrungs-, Handlungs- und Experimentierräume schaffen (Spanhel 2009).
- Medienkunde – Wissen über Funktionen der Medien sowie deren technische, organisatorische, rechtliche, ökonomische, politische und gesellschaftliche Bedingungen vermitteln.
- Medienforschung – Hintergrundwissen über Medienverhalten und Mediennutzung der Adressat*innen; Hinweise auf lebensweltliche Relevanz und auf inhaltliche, formale und ideologische Gehalte von Medienbotschaften (Siller/Tillmann/Zorn 2020).
6.3 Medienkompetenz: Die vier Dimensionen nach Dieter Baacke
Das Kernziel medienpädagogischer Arbeit – und zugleich der wichtigste Anschlussbegriff für die Soziale Arbeit – ist Medienkompetenz. Baacke (1996/1997) hat dafür vier Dimensionen mit je zwei Unterdimensionen definiert; sie sind zugleich pädagogische Aufgabenfelder:
flowchart TD
MK["Medienkompetenz nach Dieter Baacke<br/>(Baacke 1996, 1997)"] --> A["1. Medienkritik<br/>über Medienphänomene urteilen können"]
MK --> B["2. Medienkunde<br/>Wissen über Medien & Mediensysteme"]
MK --> C["3. Mediennutzung<br/>rezeptiv und interaktiv"]
MK --> D["4. Mediengestaltung<br/>innovativ und kreativ"]
A --> A1["analytisch & reflexiv"]
A --> A2["ethisch"]
B --> B1["informative Dimension"]
B --> B2["instrumentell-qualifikatorisch<br/>(Bedienen & Handhaben)"]
C --> C1["rezeptiv<br/>(anwenden, nutzen, anbieten)"]
C --> C2["interaktiv<br/>(Partizipation, Artikulation<br/>eigener Interessen)"]
D --> D1["innovativ<br/>(eigene Kommunikationsroutinen<br/>überwinden)"]
D --> D2["kreativ<br/>(ästhetisch-experimentell,<br/>eigene Medienproduktionen)"]
- Medienkritik befähigt, über Medienphänomene urteilen zu können – analytisch-reflexiv (Medien und ihre Wirkungen durchschauen und einordnen) und ethisch (sozial verantwortlich bewerten). Ohne Medienkunde funktioniert keine Kritik.
- Medienkunde umfasst das informative Wissen über heutige Medien und Mediensysteme sowie die instrumentell-qualifikatorischen Fähigkeiten des Bedienens und Handhabens.
- Mediennutzung meint zum einen die rezeptive Anwendung, zum anderen die interaktive Nutzung; im Mittelpunkt stehen Partizipation und der Einsatz von Medien für die Artikulation eigener Interessen und Bedürfnisse.
- Mediengestaltung gliedert sich in eine innovative (eigene Kommunikationsroutinen überwinden, Handlungs- und Orientierungsspielraum erweitern) und eine kreative Unterdimension (spielerisch-ästhetischer, experimenteller Umgang bis zur eigenen Medienproduktion – Video, Weblog, Prototyp).
Pädagogisches Ziel ist es, eigene Kommunikationsroutinen zu überwinden und den individuellen Handlungs- und Orientierungsspielraum durch Medienhandeln zu erweitern – „eine Zielstellung, die aus unserer Perspektive mit den Zielen der Sozialen Arbeit konform geht“ (Siller/Tillmann/Zorn 2020, S. 322).
Wichtig für sozialräumliche und subjektorientierte Zugänge: Medienkompetenz ist für Baacke eine „Besonderung“ kommunikativer und Handlungskompetenz – Medienkommunikation als notwendige Ergänzung der Weltaneignung neben Face-to-face-Kommunikation, nicht als deren Ersatz. Der Erwerb von Medienkompetenz bleibt dabei abhängig von materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen und findet im Kontext bestehender Macht- und Ungleichheitsverhältnisse statt (Siller/Tillmann/Zorn 2020) – Medienpädagogik ist also per se eine Ungleichheits- und Teilhabearbeit.
6.4 Vom Schutz zur Ermächtigung: Interventions- und Präventionslogiken
Für die Wirkung in der Praxis lassen sich aus der Literatur drei ineinandergreifende Strategien ableiten:
- Schutz (protektiv): Klassischer Kinder- und Jugendschutz sowie Risikomanagement, das auch Kommunikationsrisiken in Mediensystemen erfasst (Wagner/Gebel 2015, zit. n. Hoffmann 2020). Notwendig, aber allein nicht hinreichend – restriktive Haltungen schränken, wie gezeigt, sogar Kompetenzerwerb ein.
- Befähigung (kompetenzorientiert): Aufbau aller vier Baacke-Dimensionen über Medienkunde, Medienerziehung und handlungsorientierte Medienarbeit. Die handlungsorientierte Medienpädagogik gilt dabei als „Königsweg“ der Medienkompetenzförderung (Röll; Hoffmann 2020) – praktische Medienarbeit mit dem Grundprinzip Handlungsorientierung: „learning by doing“ (Dewey), „Mit allen Sinnen lernen“ (Freinet), „Hilf mir, es selbst zu tun“ (Montessori), „Lernen durch Gestaltung“ (Hoffmann 2020).
- Ermächtigung & Kritik (emanzipatorisch): Kritische Medienbildung als Selbstreflexionsfähigkeit des Subjekts auch in Bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse (Hoffmann 2020); die Rolle von Medienpädagoginnen als **Navigatorinnen** (Röll 2003), die mediatisierte Lebenswelten verstehen und begleiten; und – auf gesellschaftlicher Ebene – ein politisches Mandat: Informationelle Selbstbestimmung lässt sich nicht individualisieren, sondern braucht ermöglichende, politisch organisierte Rahmenbedingungen (Hoffmann 2020). Ergänzend liefert das Konzept der digitalen Resilienz (Steinmaurer 2019) das Zielbild: personale Autonomie und informationelle Selbstbestimmung auf individueller Ebene, gemeinwohlorientierte Vernetzungsformen und Plattformverantwortung auf struktureller Ebene – bis hin zu „Public Open Spaces“ jenseits der Kommerzialisierungslogik.
flowchart LR
S["Schutz<br/>Jugendschutz · Risikomanagement"] --> B["Befähigung<br/>Medienkompetenz in allen 4 Dimensionen<br/>(Baacke)"]
B --> E["Ermächtigung & Kritik<br/>Medienbildung · Artikulation · Partizipation<br/>politisches Mandat"]
E -. "ermöglicht wirksamen Schutz" .-> S
6.5 Medienpädagogik und Soziale Arbeit: kongruent, komplementär – und wirkmächtig
Hoffmann (2020) zeigt, dass Soziale Arbeit und Medienpädagogik strukturell vieles teilen: beide sind Handlungswissenschaften mit unscharf abgegrenzten Gegenstandsbereichen, beide entspringen einem Hilfeparadigma und einem Bildungsparadigma, beide stehen im Spannungsfeld problemorientierter Zuschreibungen – und beide haben ein politisches Mandat jenseits individueller Problemlösung. Medienpädagogische Grundbildung ist in der Sozialen Arbeit bislang allerdings eher randständig; das Konzept wird oft auf die Vermittlung digitaler Bedienkompetenzen funktionalisiert.
Genau hier liegt der Hebel für präventive und interventionistische Praxis: Wenn Fachkräfte die vier Dimensionen der Medienkompetenz als Aufgabenfelder verstehen (Kapitel 6.3), reduziert sich interventionistisches Handeln nicht mehr auf „Geräte verbieten“ oder „Warnungen aussprechen“ reduzieren. Die Frage ist dann nur noch: Mit welchen Methoden lassen sich alle vier Dimensionen bei jungen Menschen niedrigschwellig, lebensweltnah und ohne formale Bildungsräume erreichen? Eine besonders wirksame Antwort ist Making – Thema des Schlusskapitels.