# Wie wirkt sich die Digital Divide auf Kinder und Jugendliche aus?

## 4.1 Digital durchdrungene Lebenswelten

Kinder und Jugendliche wachsen heute in mediatisierten Lebenswelten auf, in denen digitale Medien einen „selbstverständlichen, teils auch unbefragten Boden“ alltäglichen Handelns darstellen (Tillmann 2020). Digitale, v.a. mobile Medien sind fester Bestandteil der Lebenswelt:

- 2016 besaß bereits ein Drittel der 6- bis 13-Jährigen ein Mobiltelefon, 2018 hatten 97 % der 12- bis 19-Jährigen eines – 94 % gaben dem Smartphone den größten Stellenwert in der täglichen Mediennutzung, 84 % gehen täglich oder fast täglich damit online (mpfs 2016, 2018, zit. n. Tillmann 2020).
- Jung sein heißt heute „always on and always connected“: Portabilität und Kommunikationsfähigkeit sind zugleich Notwendigkeit sozialer Teilhabe und Quelle von Autonomiegewinnen – im besonderen Maße für Jugendliche (Tillmann 2020).
- Beziehungspflege per Instant Messaging (WhatsApp), Selbstpräsentation und Anerkennung per Foto und Video (Instagram, Snapchat) stehen an erster Stelle der Internetnutzung (Tillmann 2020).

Die Rede von „digital natives“ (Prensky 2001), die permanent online und netzkompetent seien, gilt dabei zwar als widerlegt – sie verweist aber auf einen neuralgischen Punkt: Fachkräfte müssen junge Menschen **in ihren Medienwelten abholen**, ihr Medienhandeln verstehen und zugleich Teilhabe sichern und Medienbildung fördern (Tillmann 2020).

## 4.2 Sozialökologische Zonen: Wo Medienaneignung stattfindet

Baacke (in Anlehnung an Bronfenbrenner) hat die Kontexte, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen und Medien nutzen, als **sozialökologische Zonen** konzipiert – Familie, Schule, Peers, öffentliche Orte –, in denen Medien je unterschiedliche Bedeutung erfahren und verschiedenartig angeeignet werden (Tillmann 2020). Medien wirken dabei nicht über simple Kausalketten, sondern über Effekte zweiter Ordnung: etwa über die Aneignung in der Familie und die Veränderung der dortigen kommunikativen Atmosphäre. Digitale und mobile Medien verdichten heute die Verknüpfung dieser Zonen zu hybriden On-/Offline-Räumen.

```mermaid
flowchart TD
    K["Kind / Jugendliche*r"] --> Z1["Familie<br/>Medienerziehungsstile · Alltagsorganisation<br/>Nähe und Kontrolle"]
    K --> Z2["Peers<br/>Beziehungsarbeit · Identitätsarbeit<br/>Anerkennung und Ausgrenzung"]
    K --> Z3["Schule / Institution<br/>formale Bildung · institutionelle Zugänge<br/>Schutz- vs. Bildungsauftrag"]
    K --> Z4["Öffentliche Räume & Plattformen<br/>soziale Netzwerke · Algorithmen<br/>Reichweite · Persistenz"]
    Z1 & Z2 & Z3 & Z4 -. "hybride On-/Offline-Verflechtung" .- K
```

## 4.3 Wie digitale Spaltung bei Kindern und Jugendlichen wirkt

Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Digitale Ungleichheit ist keine Frage des „Ob“, sondern des „Wie“ des Aufwachsens mit Medien (Tillmann 2020; Iske/Kutscher 2020).

1. **Herkunftsressourcen prägen die Medienaneignung.** Die faktische Teilhabe an den Möglichkeitsräumen des Internet ist eng mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital verknüpft (Bourdieu). Herkunftsressourcen prägen, wie Kinder und Jugendliche sich Medien aneignen – und wie anschlussfähig diese Aneignung an bildungsinstitutionelle Anforderungen ist (Iske/Kutscher 2020).
2. **Familiäre Medienbildung ist ungleich verteilt.** Eltern fällt es schwer, angemessenes erzieherisches Handeln im Umgang mit (mobilen) Medien zu entwickeln; ihnen fehlt Wissen, und es veraltet schnell. Im europäischen Vergleich ist der deutsche Medienerziehungsstil eher restriktiv – mit der Folge, dass deutsche Kinder und Jugendliche das Internet weniger vielfältig und weniger häufig nutzen und in ihren Möglichkeiten zur **Medienkompetenzförderung eingeschränkt** sind (EU Kids Online; Tillmann 2020).
3. **Beschützende Haltungen verschärfen Ungleichheit.** In stationären Einrichtungen und familienersetzenden Hilfen überwiegt eine schützende Haltung gegenüber digitalen Medien, während die Relevanz digitaler Räume für Kinder und Medienbildung wenig thematisiert wird – mit der Folge, dass bestehende soziale Ungleichheiten weiter verstärkt werden (Tillmann 2020).
4. **Institutionelle Zugangskluchten** blockieren Alltagsbewältigung: Wo in Einrichtungen der Erziehungshilfe keine Computer oder Internetzugänge verfügbar sind, ist schon das Erledigen von Hausaufgaben erschwert; für junge Geflüchtete können fehlende Zugänge den Kontakt zur Familie und die Orientierung in der Aufnahmegesellschaft massiv behindern (Iske/Kutscher 2020).
5. **Kumulative und algorithmische Benachteiligung erreicht junge Menschen direkt:** Die Nutzung sozialer Netzwerke erzeugt Metadaten (z.B. beim Kontakt mit Einrichtungen der Jugendhilfe), die für kommerzielle Scoring-Prozesse wertvoll sind und sich für Adressat*innen als teilhabebeschränkend erweisen können (Iske/Kutscher 2020).

## 4.4 Peers, Identität und neue Problemlagen

Bei Jugendlichen steht die **Beziehungsarbeit** an erster Stelle der Internetnutzung; soziale Netzwerke bieten multimodale Möglichkeiten der Selbstpräsentation, -reflexion und Anerkennung – Identitätsarbeit in Rückkopplung mit der Peer-Group (Tillmann 2020). Derselbe Raum erzeugt aber auch neue Konfliktlagen, die in aggressives Bewältigungshandeln münden können: **Cybermobbing** (2018 gaben 37 % der Jugendlichen an, dass im Bekanntenkreis jemand online fertig gemacht wurde) sowie die Nutzung sozialer Netzwerke für extremistische Propaganda und Anwerbung (Tillmann 2020).

## 4.5 Zwischenfazit

Digitale Spaltung wirkt bei Kindern und Jugendlichen nicht als einfaches „Oben vs. Unten“, sondern als Verkettung von Zugang, Nutzungsformen, familiären Ressourcen, institutionellen Haltungen und algorithmischer Vorstrukturierung. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was kann dem **präventiv und interventionistisch** entgegengesetzt werden? Kapitel 5 verschärft dazu zunächst die Risiken im Kern der kindlichen und jugendlichen Mediennutzung – sozialen Netzwerken und Algorithmen –, bevor Kapitel 6 mit der Medienpädagogik den Antwortrahmen aufruft.