Was ist eigentlich Mediatisierung? 2.1 Der Kern des Konzepts Der Mediatisierungsansatz (Krotz 2020; Hepp/Krotz u.a.) beschreibt dieselbe Entwicklung wie der Digitalisierungsbegriff, verlagert aber den analytischen Blick: weg von der Technik, hin zu den individuellen, alltäglichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umgangsweisen mit dem Medienwandel. Mediatisierungsforschung befasst sich mit der Transformation der Medien und der Transformation von Alltag, Kultur und Gesellschaft im Kontext des Wandels der Medien – sowie deren Zusammenspiel. Zwei Bestimmungen sind dabei zentral: Medien sind „technische, sozial institutionalisierte Entitäten, die inhaltliche Kommunikation in spezifischen ästhetischen Formen ermöglichen und von den Menschen sinngeleitet genutzt werden“ (Krotz 2020). Auch Computer sind Medien – allerdings solche, die Symbolfolgen nicht nur anbieten, sondern verarbeiten und verändern können. Durch den Computer hat sich das frühere Mediensystem in eine „computerbasierte digitale Infrastruktur für alle symbolischen Operationen“ verwandelt (Krotz 2020). Darin werden die alten Medien simuliert (E-Book, Streaming) und neue Medien von vorneherein auf Computerbasis konstruiert: soziale Medien, Roboter, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge. Das ist der wesentliche technische Großprozess, durch den Computer in alle Lebensbereiche eindringen. 2.2 Mediatisiert – eine Arbeitsdefinition Ein soziales oder kulturelles Phänomen gilt als mediatisiert , wenn es ursprünglich nichts oder nicht viel mit Medien zu tun hatte, heute aber ohne Berücksichtigung der Medien weder sinnvoll empirisch untersucht noch theoretisch eingeordnet werden kann. Krotz (2020) nennt den Fußball, dessen Bild, Regeln und Finanzierung von Medien geprägt werden – genauso gelten aber Beratungsgespräche über Messenger, mediengestützte Psychotherapie oder algorithmische Risikobewertungen in der Sozialen Arbeit als mediatisierte Vorgänge. 2.3 Kein Technikdeterminismus Der entscheidende Unterschied zum Alltagsverständnis von Digitalisierung: Der soziale und kulturelle Wandel ist keine kausale, lineare Folge des technischen Wandels . Er hängt davon ab, wie die Menschen mit den Techniken kommunizieren und handeln, aber auch von rechtlichen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen – etwa der „strukturellen Gewalt“, mit der kommerzielle Plattformen soziale Beziehungen nach ihren eigenen Interessen organisieren (Krotz 2020). Mediatisierung ist damit auch die Perspektive, die den Blick für alternative Entwicklungspfade und Gestaltbarkeit offenhält. 2.4 Vier Perspektiven auf den Metaprozess flowchart LR MED[Metaprozess Mediatisierung] --> A[Aktuell
Beschreibung & theoretisches
Verständnis des Wandels] MED --> H[Historisch
Mediengeschichte als
Voraussetzung heutiger Entwicklung] MED --> K[Kritisch
Demokratieverträglichkeit, Chancengleichheit,
Gerechtigkeit als Maßstäbe] MED --> P[Prognostisch
ethisch durchdachte Prognosen,
Gegenentwürfe] Aktuell: Wie verändern sich Problemlagen und Alltagswelten – etwa neue Risikolagen von Kindern im Netz und daraus folgende Bedarfe an Medienbildung (Livingstone/Haddon 2009)? Historisch: Frühere Medienentwicklungen sind Voraussetzungen des heutigen Wandels – wer gut lesen und schreiben kann, kann in der Regel souveräner mit dem Internet umgehen. Kritisch: Mediatisierung geschieht nicht naturwüchsig, sondern unter konkreten politischen und ökonomischen Bedingungen, derzeit maßgeblich bestimmt von weltweit agierenden Unternehmen. Kritische Forschung fragt nach Demokratieverträglichkeit, Chancengleichheit und Gerechtigkeit (Krotz 2020). Prognostisch: Entwicklung von alternativen Vorstellungen und Gegenentwürfen auf Basis empirischer Forschung. 2.5 Was Mediatisierung für die Soziale Arbeit bedeutet Für Unger (2021) ist Mediatisierung der „dritte Weg“ zwischen reflexionsloser Medieneuphorie und bewahrpädagogischer Medienablehnung: Ein Konzept, das die dialogische Kommunikation – und nicht die technische Infrastruktur – als eigentlichen Kern sozialpädagogischer Praxis in den Blick nimmt. Damit lassen sich Gestaltungsoptionen eröffnen, die ein technizistisches Digitalisierungsverständnis systematisch verdeckt. Aus medienethischer Perspektive wird Mediatisierung zudem als Bedingung einer wandelbaren conditio humana verhandelt: Nicht moralisiert, sondern intentional, reflektiert, partizipativ und fair gestaltet werden soll der Umgang mit den Metaprozessen – mit Leitwerten wie normativer Aufklärung, menschlicher Würde und Authentizität der Kommunikation (Rath 2019). Steinmaurer (2019) ergänzt das Konzept der digitalen Resilienz : die menschliche Fähigkeit, mit den Prozessen und Bedrohungen des Wandels umzugehen – von informationeller Selbstbestimmung auf individueller Ebene über gemeinwohlorientierte Vernetzungsformen bis hin zu Plattformverantwortung. Damit ist der Rahmen gespannt: Wenn Medienalltag und Gesellschaft so eng verwoben sind, stellt sich die Frage nach Teilhabe und Ungleichheit mit neuer Schärfe – Thema des nächsten Kapitels.