Was ist eigentlich Digitalisierung?

## 1.1 Eine erste, technische Annäherung

Auf den ersten Blick scheint die Frage einfach: Digitalisierung bezeichnet die Überführung analoger Informationen und Prozesse in binäre, also computerlesbare Form – Text, Bild, Ton und Bewegtbild werden zu Daten, aus denen mit Hilfe von Computern wieder Symbole, Bilder und Steuerungsimpulse erzeugt werden können. Doch diese rein technische Lesart greift zu kurz. Wenn von Digitalisierung gesprochen wird, sind in der Regel zwei ineinander verschränkte Transformationen gemeint:

1. Eine **technisch-organisatorische Transformation** der Medien und Mediendienste, die durch den zunehmenden Einsatz von Computern bewirkt wird.
2. Eine **Transformation von Alltag, Kultur und Gesellschaft**, die dadurch entsteht, dass Menschen die neuen kommunikativen Formen individuell und kollektiv nutzen und sich dabei selbst verändern (Krotz 2020).

Kutscher/Ley/Seelmeyer/Siller/Tillmann/Zorn (2020) betonen, dass Digitalisierung deshalb nicht nur als „Digital-Machen“ bis dato analoger Prozesse zu verstehen ist: Qualitativ neue Phänomene wie **Datafizierung** (der Bedeutungsgewinn von Daten und die Zunahme von Datenanalysen), **Automatisierung** und **Algorithmisierung** von Entscheidungsprozessen etablieren vielmehr soziotechnische Arrangements, deren Logiken – mal kongruent, mal widersprüchlich – mit den fachlichen Logiken Sozialer Arbeit verwoben sind.

## 1.2 Digitalisierung als Metaprozess

In den Sozial- und Kulturwissenschaften wird Digitalisierung gemeinsam mit Mediatisierung, Globalisierung und Individualisierung als **Metaprozess** gefasst – also als langandauernder, kulturübergreifender Entwicklungsprozess, der sich nicht auf einzelne Teilentwicklungen reduzieren lässt (Krotz 2020). Rath (2019) pointiert dies philosophisch: Metaprozesse sind „genau jene sich in Geschichte wandelnden Lebensbedingungen des Menschen, die sein jeweils konkretes Handeln ermöglichen – oder eben verunmöglichen“. Die conditio humana, das Menschsein selbst, ist unter diesen Bedingungen keine feste Größe mehr, sondern wird funktional bestimmt: *Wir sind das, was wir unter den Bedingungen unserer konkreten Existenz werden können* – und diese Bedingungen sind heute durch Ökonomisierung, Globalisierung und Medialität geprägt (Krainer/Litschka 2019; Rath 2019).

flowchart LR  
 M\[Metaprozesse\] --> M1\[Globalisierung\]  
 M --> M2\[Individualisierung\]  
 M --> M3\[Ökonomisierung\]  
 M --> M4\[Mediatisierung\]  
 M4 --> D\[Digitalisierung als<br/>technisch-organisatorische Transformation\]  
 M4 --> K\[Wandel von Alltag,<br/>Kultur und Gesellschaft\]  
 D <--> K  

## 1.3 Die kritische Lesart: Digitalisierung als Dispositiv

Unger (2021) warnt davor, den Digitalisierungsbegriff unhinterfragt zu übernehmen. In der öffentlichen und politischen Debatte zeigt sich ein **Digitalisierungsdispositiv**: eine machtvolle Rahmung, die

- stark **technizistisch und ökonomisch** geprägt ist (Digitalisierung als „vierte industrielle Revolution“, Deutschland im globalen Wettbewerb),
- gesellschaftliche Akteure in einen **permanenten Defizitzustand** versetzt (der Digitalisierungsindex als kybernetische Soll-/Ist-Logik, die einen Handlungsdruck erzeugt),
- und digitale Bildung auf **funktionale Bedienkompetenzen** verkürzt – unter equalmäßiger Einebnung des etablierten Begriffs der *Medienkompetenz* (Unger 2021).

Das Paradebeispiel ist der DigitalPakt Schule: als Infrastrukturprogramm angelegt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber häufig als Bildungsinitiative gelesen. Genau hier liegt der analytische Gewinn, den Wunder (2021) und Unger (2021) betonen: Wer Digitalisierung primär als technisch-ökonomisches Programm liest, verkürzt Planungs-, Gestaltungs- und Reflexionsoptionen. Eine angemessenere Beschreibung des soziokulturellen Wandels liefert – so das Argument des folgenden Kapitels – der Mediatisierungsbegriff.

## 1.4 Zwischenfazit

Digitalisierung ist also mehr als die Umwandlung von Analogdaten: Sie ist ein Deutungs- und Gestaltungsraum, in dem sich gesellschaftliche Macht-, Ungleichheits- und Ökonomisierungsverhältnisse fortschreiben. Wer mit Kindern, Jugendlichen und Adressat*innen Sozialer Arbeit arbeitet, braucht deshalb zweierlei: ein präzises Analysekonzept für den Wandel (→ Mediatisierung, Kapitel 2) und eine Ungleichheitsperspektive (→ Digital Divide, Kapitel 3).


Revision #2
Created 30 October 2026 11:36:44 by Shelly Pröhl
Updated 30 October 2026 11:38:31 by Shelly Pröhl